Leichentuch und Lumpengeld von Gabriella Wollenhaupt, GRAFIT Verlag, 2008
[eigenes Exemplar, eigene Meinung, Werbung]
Darum geht es
In dem beschaulichen Städtchen Morgenthal weht 1845 ein Hauch von Aufstand. Da wird die Leiche des Tuchfabrikanten Hartenau im Fluss gefunden, eindeutig ermordet, mit einem demagogischen Gedicht in der Tasche. Zuviel für den Gendarm, er bittet in Berlin um Amtshilfe, und der Sonderermittler Justus von Kleist reist an.
Schnell intrigieren die Erben, auch unter den Weber gibt es Verdächtige. Parallel dazu entdeckt die junge Jüdin Rachel Grünblatt ihre journalistische Begabung und schreibt über die Missstände in der Fabrik und die Abhängigkeit der Weber. Diese bekommen zB keinen Lohn, sondern Gutscheine, mit denen sie im fabrikeigenen Laden »einkaufen« können. Die Situation in Morgenthal ist angespannt, der Vaterländische Verein (erzkonservativ und judenfeindlich) mischt sich ein, die Weber streiken, ein weiterer Mord geschieht.
Mein Eindruck
Der erste Leseeindruck ist zugegebenermaßen gewöhnungsbedürftig: geschrieben in Präsenz, die Sätze meist sehr kurz, die Perspektive auktorial, dem Duktus nach eher ein Bericht. Und dennoch packen mich die Figuren und der historische Rahmen.
Es geht um Missbrauch, Misshandlung und dem stillen – oder nicht so stillen – Ertragen der Machtverhältnisse. Um die Abhängigkeit der Weber von der Fabrik und dem Besitzer, der sich die Fadenmädchen in sein Büro kommen lässt – wozu kann man sich denken. Um die Blindheit der »gehobenen« Gesellschaft, die so langsam in der jungen Generation ein soziales Gewissen und eine eigene politische Meinung entwickelt – und sie nicht verschweigt. Am Ende kann ich sagen: so wird es gewesen sein, in einer schlichten, schrecklichen Wahrheit.
Fazit
Ein gelungener Krimi vor historischer Kulisse, sehr lesenswert.
*****
