Historische Kriminalpost

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die historische Kriminalpost vom 18. Juni 2024

Mai 1848 – Mai 1849

Von der Wahl der Nationalversammlung bis zum Aufstand in Dresden

Hallo!

Für uns ist es selbstverständlich, wählen zu können, und Deutschland ist für uns ein klar umrissener Begriff.

Doch vor über 175 Jahren, in den Zeiten der Revolution, gab es kein einheitliches Deutschland. In den über 40 Staaten und Fürstentümern, in die der geografische Bereich »Deutschland« unterteilt war, existierten nur wenige konstitutionelle Monarchien. Und eine Konstitution, eine Verfassung, ist die Grundlage, um überhaupt über Wahlen und eine Volksvertretung zu reden.
Durch die revolutionären Ereignisse Anfang März (die Forderungen kannst Du nochmal in der historischen Kriminalpost vom Mai lesen) in vielen deutschen Staaten begannen die politisch engagierten Männer mit der Planung einer gesamtdeutschen Nationalversammlung. Davon erzähle ich in dieser historischen Kriminalpost, ebenso wie ich Dir den neuen Roman von Anne Stern vorstelle: »Rot das Feuer« – eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund der Maiaufstände 1849 in Dresden.

Die Wahlen zur Nationalversammlung

5. März 1848, Heidelberg

In Heidelberg treffen sich 51 Liberale und Demokraten, unter ihnen Karl Mathy, Karl Theodor Welcker, Adam von Itzstein, Gustav Struve und Friedrich Hecker, und diskutieren über die weiteren Schritte.

Immer deutlicher werden die unterschiedlichen Vorstellungen. Die Liberalen halten an der Monarchie fest, fordern eine Verfassung und eine deutsche Nation unter Führung des preußischen Königs. Darüber hinaus werden sie teilweise als Märzminister in die Regierungen berufen. Die Demokraten verlieren immer mehr an Position. Sie pochen neben der Nation auf die Freiheit des Volkes und dessen Mitbestimmung bei Regierung und Gesetz. Die Diskussionen sind hitzig, am Ende vertagt man die Entscheidung über konstitutionelle Monarchie und Republik. Es wird ein Gremium aus sieben Männern gewählt, der Siebener Ausschuss, der die Vorbereitung zu einer Nationalversammlung übernimmt. Itzstein ist als einziger Demokrat in diesem Gremium.

 

12. März 1848, Heidelberg

Der Siebener Ausschuss trifft sich in Heidelberg. Zu ihm gehören unter anderem die liberalen Heinrich von Gagern und Karl Theodor Welcker und der noch am ehesten zum demokratischen Lager zu zählende Adam von Itzstein.
Es geht darum, das Vorparlament für die Nationalversammlung vorzubereiten. Gagern und Welcker bringen zu der Versammlung ein wohlformuliertes Programm mit, das nach der Verabschiedung auch gleich gedruckt und verteilt wird. Zum Treffen des Vorparlamentes Ende des Monats werden alle Abgeordneten der Landesparlamente, falls vorhanden, eingeladen. Zusätzlich können Männer, die sich im Vormärz für die Sache verdient gemacht haben, ebenfalls auf Einladung der einzelnen „Siebener“ teilnehmen. So schaut insbesondere Itzstein bei seinen Einladungen z.B. an Robert Blum und Johann Jacoby, dass auch einige demokratische Stimmen vertreten sein werden.

 

31. März bis 02. April 1848, Frankfurt

In der Paulskirche in Frankfurt treffen sich Ende März um die 570 liberale und demokratische Politiker, um über die Wahl zur Nationalversammlung, die zukünftige Staatsform und die Zukunft Deutschlands zu reden. Schnell werden die unterschiedlichen Vorstellungen offensichtlich, es wird hitzig, kontrovers und zwei Tage länger als geplant diskutiert.
Die liberal-konstitutionelle Mehrheit um den hessischen Politiker Heinrich von Gagern setzt sich gegen die radikal-demokratisch-republikanische Minderheit um die Badener Hecker und Struve durch. Ein Antrag, das Vorparlament für permanent und damit quasi zur Regierung zu erklären, wird abgeschmettert. Hecker und Struve verlassen mit ihren Anhängern unter Protest die Versammlung, kehren erst ganz am Schluss wieder zurück.
Aus den gemäßigt demokratischen Abgeordneten um Robert Blum und den liberalen Abgeordneten wird ein Fünfziger Ausschuss gewählt, der die Wahlen zur Nationalversammlung, zur verfassungsgebenden Versammlung für das zukünftige Deutschland, organisieren darf. Durch das beschlossene allgemeine und gleiche (Männer) Wahlrecht sind für die damalige Zeit fortschrittliche 80 Prozent der Männer ab 21 Jahren wahlberechtigt. Die Frage nach einem konstitutionellen Kaisertum oder der Republik werden ebenso an die zu wählende Nationalversammlung weitergereicht wie auch die Frage nach einer großdeutschen Nation mit Österreich oder der kleindeutschen Variante ohne Österreich.

 

08. April 1848, Karlsruhe

Nach dem Ende des Vorparlaments in Frankfurt laufen die Vorbereitungen für die Wahlen zur Nationalversammlung an. Die Demokraten um Friedrich Hecker und Gustav Struve hoffen nach dem Scheitern ihrer Anträge auf das Volk und eine gewählte Mehrheit. Überall werden Wahlreden geschwungen und Zeitungsartikel geschrieben. Die liberalen Märzministerien versuchen ebenso wie die konservativen Kräfte ihre Kandidaten zu positionieren und schrecken dabei nicht zurück, den Demokraten jeden Stock zwischen die Beine zu werfen, den sie finden können.
So erkennt der badische Abgeordnete Karl Mathy am 08. April 1848 auf dem Bahnhof in Karlsruhe den Redakteur Joseph Fickler. Fickler ist der Herausgeber der Seeblätter in Konstanz, einer radikalen-demokratischen Zeitung, die immer wieder in den Fokus der Zensur gerät. Mathy lässt Fickler eigenmächtig und ohne belastbare Gründe verhaften und nimmt den Demokraten damit ihren charismatischen Redner. Erst nach den Wahlen im Mai wird Fickler freigesprochen.

 

18. Mai 1848, Frankfurt

In allen deutschen Bundesstaaten finden die Wahlen zur deutschen Nationalversammlung im April und Anfang Mai statt. Gewählt wird nach den Vorgaben der einzelnen Staaten mal direkt, aber meistens indirekt über Wahlmänner. Die Wahl gilt europaweit als fortschrittlich, da gut 80% der Männer wählen dürfen.
Die Aufgabe der deutschen Nationalversammlung beginnt mit der Formulierung einer Verfassung, inklusive der Grundrechte (die wir teils heute in unsern Grundrechten wiederfinden). Sie beschäftigt sich aber auch mit der Staatsform, dem Staatsoberhaupt und den neuen Grenzen eines geeinten Deutschlands.
Am 18. Mai ziehen die 585 Abgeordneten feierlich in die Paulskirche in Frankfurt ein. Darunter 491 Juristen, 50 Professoren, 4 Handwerker und 3 Bauern. Selbst 130 Adelige werden in die Nationalversammlung gewählt, aber der große Teil kommt aus dem mittleren und gehobenen Bürgertum.
Parteien wie im heutigen Sinne gibt es nicht, aber schnell bilden sich einzelne Klubs von gleichgesinnten Politikern, die sich abends in den Frankfurter Gasthöfen treffen und ihre Programme und Eingaben diskutieren. So finden sich die Anhänger der Monarchie z.B. im »Steinernen Haus«, die Vertreter der unterschiedlich liberalen Ansätze z.B. im »Casino«, »Augsburger Hof«, »Pariser Hof« oder »Württemberger Hof« und die demokratischen Linken z.B. im »Deutschen Hof« oder im »Donnersberg«.

Eine Revolution endet  – Mai 1849

Springen wir von den ersten Tagen der Nationalversammlung an ihr Ende.

Im April 1849 wählt die Nationalversammlung den preußischen König Friedrich Wilhelm IV. zum »Kaiser der Deutschen« und Monarchen eines konstitutionellen deutschen Nationalstaates. Doch der König lehnt ab! Nur Gott allein und die Fürsten könnten ihn zum Kaiser ernennen und nicht so ein dahergelaufenes, bürgerliches Parlament.
Damit sind die Bemühungen der Nationalversammlung gescheitert, der Rückhalt in der Bevölkerung schwindet und so lösen sie sich Ende Mai auf.

Eine Reichsverfassung ist in weite Ferne gerückt, aber in einigen Staaten bäumen sich die Menschen auf.

In Dresden stürmen sie am 3. Mai das Zeughaus, vertreiben den sächsischen König Friedrich August II. und seine Minister kurzzeitig aus der Stadt und setzen eine provisorische Regierung ein. In den folgenden sechs Tagen kämpfen die Aufständischen, darunter der Hofkapellmeister Richard Wagner, der Baumeister Gottfried Semper und der russische Revolutionär Michail Bakunin, gegen die sächsischen und preußischen Truppen, doch der teilweise grausame Häuserkampf ist erfolglos. Am 9. Mai fliehen viele der Anführer und Kämpfer aus der Stadt, die Barrikadenkämpfe werden eingestellt.

ROT DAS FEUER von Anne Stern

WORUM GEHT ES?

»Rot das Feuer« ist der zweite Band einer Trilogie um das Dresdner Opernhaus. In den ersten beiden Büchern geht es um die Liebesgeschichte zwischen der jungen Violinistin Elise und dem begabten Bühnenmaler Christian. Trauen sie sich im ersten Band (1841) noch nicht, zu ihrer Liebe zu stehen, so ist dies eine der spannenden Fragen in »Rot das Feuer«, das zeitlich in den bewegten Tagen des Mai 1849 spielt.

 

WARUM KÖNNTE »ROT DAS FEUER« FÜR DICH INTERESSANT SEIN?

Mir gefiel »Rot das Feuer« aufgrund der atmosphärisch dichten Schilderung der damaligen Verhältnisse. Der Spannungsaufbau bis hin zu dem Ausbruch der Kämpfe und die authentische Strahlkraft der Figuren machen das Buch für mich lesenswert.

Anne Stern ist vor allem für ihre zwanziger Jahre Kriminalromane mit der Hebamme Fräulein Gold bekannt. Sie kann den Figuren ein Leben einhauchen und hat mit dem zweiten Teil auch der Mairevolution in Dresden eine literarische Stimme gegeben.

Ganz ehrlich muss ich aber auch sagen, dass ich den ersten Teil zu langatmig fand, der zweite Teil hier durchaus mit dem interessanten historischen, sprich revolutionären Setting spannender ist.

 

»Das Opernhaus – Rot das Feuer« von Anne Stern, Rowohlt Verlag, 2024 – [unbezahlte Werbung]

Hast Du Fragen? War die Länge gut für Dich, möchtest Du zu manchen Punkten mehr wissen? Was soll ich Dir in der nächsten historischen Kriminalpost erzählen?
Schreibe mir gerne über mein Kontaktformular, ich freue mich auf Deine Meinung.

Bis zur nächsten Post am 18. des Monats

Viele Grüße

Maria