Historische Kriminalpost

Unter den Linden, Berlin, 1852. Gemälde von Eduard Gaertner. Mit drei roten Streifen

Ein Besuch auf dem Polizeipräsidium am Molkenmarkt in Berlin

Zum Start des neuen Jahrs wünsche ich dir mit den Worten von Theodor Fontane, die er 1860 an seine Schwester Lischen schrieb:

Habe ein heitres, fröhliches Herz …

Nachdem ich in der historischen Kriminalpost vom April 2024 über die Gründung der Kriminalpolizei erzählt habe, werfe ich diesmal einen Blick auf die Gebäude des Polizeipräsidiums im 19. Jahrhundert. Du erfährst von der Stadtvogtei, dem Krögel, Ephraim-Palais und dem Molkenmarkt. Manche Gebäude lassen sich auch heute noch in Berlin besichtigen.
In der Buchrezension stelle ich einen Meisterdetektiv vor: FELIX BLOM – DER HÄFTLING AUS MOABIT von Alex Beer. Warum er gut zu dieser Post passt, liest du weiter unten.
Und zum Ende findest du wie gehabt zwei Schreibimpulse und diesmal zusätzlich ein kurzes Update, was gerade bei mir schriftstellerisch ansteht.

Der Molkenmarkt

Die Adresse »Am Molkenmarkt 1« war im 19. Jahrhundert unter den Gaunern und Halunken gefürchtet. Hier residierten von 1809 bis 1889 immerhin 17 Polizeipräsidenten, unter ihnen Karl von Hinckeldey (Polizeipräsident von 1848 – 1856). Zusätzlich lag hier das Polizeirevier 1 und die berüchtigte, meist überfüllte »Stadtvogtei«, das Polizeigefängnis, das sich über mehrer Gebäude und Höfe bis zur Spree hinzog.
Schon vor offizieller Gründung bzw. der Neustrukturierung im Jahr 1809 waren die Gebäude mit den Nummern 1 bis 3 in der Hand der Stadtverwaltung und wurden für die polizeilichen Dienste genutzt.

Molkenmarkt 1846 im Stadtplan von J.C. Selter
Molkenmarkt 1846 im Stadtplan von J.C. Selter

Auf dem Bild von Rosenberg, gemalt 1785, siehst du auf der linken Seite am Rand die Häuser Molkenmarkt 1 und 2. Auch wenn der Platz durch die mehrstöckige Bebauung auf der rechten Seite pompös wirkt, hat Rosenberg sich hier hinreißen lassen. Nach intensiven Nachforschungen der polizeihistorischen Gesellschaft, Berlin, standen dem Polizeipräsidium Gebäude mit damals in Berlin typischen zwei Obergeschossen gegenüber. Auch das Ephraim-Palais, den Rosenberg im Hintergrund mit seiner Rundung angezeichnet hat, ist perspektivisch gegenüber dem Haus auf der linken Seite mit dem Steilgiebel gelegen.
Die polizeihistorische Gesellschaft hat daher ein neues Bild aufgrund der Forschungen in Auftrag gegeben, das in der Berliner Polizeihistorischen Sammlung ausgestellt ist und in »Die Berliner Kriminalpolizei zwischen 1811 und 1885« auf Seite 12 abgebildet ist. (Leider kann ich es aufgrund der Copyrightrechte nicht zeigen)
Sowohl der Besuch der Ausstellung wie auch das Buch kann ich nur empfehlen.

Das »Palais Schwerin«

Im »Palais Schwerin« – Molkenmarkt 3 – , das an die schmale Gasse »Am Krögel« grenzte, herrschte das Kriminalgericht, dem zeitweise die Kriminalpolizei zugeordnet war. Erst 1850 wurden die Kommissare des Kriminalgerichts endgültig unter die Verwaltung des Polizeipräsidenten gestellt.
Im Gegensatz zu den Gebäuden Molkenmarkt 1 und 2, die 1935 abgerissen wurden, überlebt das Palais sogar den Bombenhagel und steht noch heute am Molkenmarkt und gehört, ergänzt mit zwei Gebäudeflügeln, zur alten Münze.
Ob bei dem Neubau der Münzanstalt, in die das Palais 1935 integriert wurde, das Gebäude um einige Meter versetzt wurde, wie auf der Seite des Landesdenkmalamtes Berlin vermerkt, oder nicht, wie von Benedikt Göbel in »Der Umbau Alt-Berlins zum modernen Stadtzentrum« <Verlagshaus Braun Berlin, 2003> behauptet, kann ich nicht abschließend beurteilen.
Allein das Gefühl, das ich hatte, als ich am Molkenmarkt stand, ist erhaben.

Palais Schwerin 2010, (Bildquelle Konstantindegeer, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons)

Ephraim-Palais

Hatte sich die Einwohnerzahl von 1830 bis 1848 auf 400.000 verdoppelt, so erreichte sie schon 1877 die Million. Schnell wurden die Gebäude am Molkenmarkt zu eng, daher wurde das Einwohnermeldeamt in den Ephraim-Palais ausgelagert, in dem auch Wohnungen für die Polizeibeamten zur Verfügung standen.
Für einen kleinen Obulus konnte jeder sich eine Wohnadresse heraussuchen lassen, wenn er jemanden suchte. Ebenso wurden hier die Meldescheine aus den Hotels und Pensionen abgegeben und jeder, der seine Wohnung wechselte, musste sich ebenso eintragen lassen.


Im Rahmen der 750-Jahr-Feier 1987 wurde das Nikolaiviertel historisch angelehnt wieder aufgebaut. Auch der Ephraim-Palais, bzw. die Reste, die den Krieg überlebten, wurden in die neue Fassade integriert. Heute beinhaltet es ein Museum zur Stadtgeschichte (jedenfalls solange das Märkische Museum renoviert wird). Toll ist schon das Treppenhaus!

Stadtvogtei vs Hausvogtei

Sind wir schon bei noch existierenden Gebäuden, so möchte ich noch kurz auf den Hausvogteiplatz eingehen. Gut, vll. eine holprige Überleitung, die Hausvogtei wurde in den 1890igern abgerissen, nur der Hausvogteiplatz existiert noch, u.a. als U-Bahnstation.
Aber das Wort Vogtei hört sich in meinen Ohren sperrig an und in Berlin begegnet es mir gar zwei Mal. Wesentlich Unterschiede zwischen diesen beiden Gefängnissen war ihre Zuordnung zur Obrigkeit.
In die Hausvogtei wurde gebracht, wer sich unter der höfischen Gerichtsbarkeit befand, also z.B. Handwerker und Bedienstete des Schlosses, aber auch Bewohner des umliegenden Stadtteils Friedrichswerder. Außerdem wurden hier im 19. Jahrhundert die Berliner Juden festgesetzt, wenn sie sich etwas zu Schulden hatten kommen lassen.
Bezeichnenderweise wurden während der Kartoffelrevolution 1847 viele Verhaftete in die Hausvogtei eingeliefert.
Denn eigentlich war dafür die städtische Obrigkeit, sprich die Polizei und das Kriminalgericht zuständig. Doch die Stadtvogtei am Molkenmarkt konnte die über 300 Festgenommenen nicht vollständig unterbringen. Ihnen fehlte einfach der Platz.
Um den Hausvogteiplatz sammelten sich viele, meist jüdische Konfektionsmanufakturen, zeitweise war hier das Zentrum der Berliner Modewelt. Ein Besuch insbesondere der Denk- und Mahnmale an dem Platz lohnt auch heutzutage.

Die Rote Burg am Alex

Endlich, 1886 wurde der Neubau und Umzug des Polizeipräsidiums beschlossen. Am Alexanderplatz entstand ein großer Gebäudekomplex aus rotem Backstein, angelehnt an das Neue Rathaus. Es war nach dem Schloss und dem Reichstagsgebäude flächenmäßig das drittgrößte Gebäude in Berlin seiner Zeit. Trotzdem war schon zum Einzug 1890 klar, dass es wohl zu klein sein würde.
Wem kommt das nicht bekannt vor.
Im Krieg zerstört, wurde es 1957 vollständig abgerissen und an seiner Stelle steht heute das Einkaufszentrum Alexa.

Reise nach Berlin

Wer heutzutage auf historischen Spuren durch Berlin wandern möchte, dem kann ich das Nikolaiviertel empfehlen, mit einem Ausflug zum Hausvogteiplatz, Gendarmenmarkt und dann zum Schloss.
Der Molkenmarkt wird gerade umgebaut, ist aber ebenso gut vom Nikolaiviertel aus zu erreichen, dann lohnt ein weiterer Besuch der Parochialkirche, der Klosterkirch-Ruine, einem Stück alter Stadtmauer und am Schluss den Alex und neben dem Fernsehturm die Marienkirche.

In diesem Bereich bewegen sich auch meine Protagonisten.
Paul von Herrenberg, wohnt in der Nähe des Gendarmenmarktes.
Commissar Händel geht am Molkenmarkt 1 ein und aus.
Und Dora Weißbeck hat ihre Bäckerei im Schatten der Marienkirche.

Ich bin bei der Überarbeitung der zweiten Hälfte und plane jetzt wirklich, ernsthaft und voller Eifer, dieses Buch bis Mai fertiggestellt zu haben.
Mein Besuch auf der Leipziger Messe 2025 war ein besonderes Erlebnis, ich konnte viele Gespräche führen, doch leider kam dabei außer viel Erfahrung kein konkreter, erfolgversprechender Kontakt zustande. Daher heißt es weiterhin Verlag bzw. Agentur und Verlag suchen und hoffen.


Ein Augenzeugenbericht

In der Zeitschrift Gartenlaube beschreibt Adolf Rutenberg die Zustände im Polizeipräsidium und in der Stadtvogtei wie folgt:

»Im Herzen des alten Berlin, fast genau an jener Stelle, wo, den Ermittelungen unserer unermüdlichen Alterthumsforscher zufolge, die ersten Baracken des altwendischen Fischerdorfes gestanden haben, erhebt sich auf einem Terrain, dessen Flächeninhalt ungefähr dem des neuen Rathhauses gleichkommt, ein Complex von Gebäuden, deren solide Bauart und verwitterte graue Tünche zwar den unauslöschlichen Stempel hohen Alters zur Schau tragen, die aber im Uebrigen durch ihr architektonisch unscheinbares Aeußeres und Inneres wenig von der Bedeutung verrathen, welche sie für die Geschichte Berlins und eines Theils seiner Bevölkerung gehabt haben und noch haben.

Es sind die Gebäude Molkenmarkt Nr. 1, 2 und 3. Die Vorderfront derselben bildet einen stumpfen Winkel, dessen Spitze jener historischen Ecke der Poststraße, an welcher das älteste Städtewahrzeichen der deutschen Reichshauptstadt, die gewaltige Riesenrippe, befestigt ist, gerade gegenüberliegt.

Nach der Bauart zu urtheilen, ist das Haus Nr. 1, das Polizeipräsidium, das älteste.

Das Criminalgericht wohnt in den Häusern Nr. 2 und 3. Man denke sich ein möglichst schlecht casernirtes Armenhospital einer mittleren norddeutschen Stadt, und man hat eine ungefähre Vorstellung von Nr. 2.

Ein Eingang, über dessen Thür das „Lasset die Hoffnungen draußen!“ mit Recht stehen könnte, ein dunkler Flur, ein Hof, gerade groß genug, um eine Klafter Holz darauf klein zu machen, und eine schmale halsbrecherische Treppe aus Steinstufen – das ist der Empfang.
…«

<die Gartenlaube (1875). Leipzig: Ernst Keil, 1875, Seite 46 unten und folgende. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource>


Gauner oder Detektiv – oder beides? – Felix Blom

Felix Blom – der Häftling aus Moabit von Alex Beer, Limes, 2022
[Kauf, eigene Meinung, Werbung]

Darum geht es

1878 ist die Stadtvogtei nur noch ein Untersuchungsgefängnis. Strafen werden im neumodischen Gefängnis in Moabit abgesessen. So wurde auch Felix Blom zu drei Jahren Haft verurteilt, natürlich unschuldig, und als er 1878 wieder frei kommt, hat er kein Geld, keine Freunde, keine Wohnung und keine Arbeit, muss Arbeit und Wohnung aber innerhalb von drei Tagen finden. Nur mit dem Erbarmen seines früheren Bosses bekommt er eine Unterkunft im Krögel, direkt neben dem Polizeipräsidium.
Dort, in den Tiefen der Hinterhöfe, will sich die ehemalige Prostituierte Mathilde als Privatdetektivin einen Namen machen. Das ist nicht so leicht, denn wer traut einer Frau nur diese Tätigkeit zu? Da kommt Felix gerade recht als Pseudo-Detektiv, als Mann, der den Auftrag annimmt, denn mehr traut sie ihm nicht zu.
Doch der erste Fall wird gleich persönlich: jemand mordet in Berlin scheinbar wahllos, informiert jedoch seine Opfer mit einer Karte, die den Tod ankündigt. Und nun hat auch Felix Blom so eine Karte bekommen …


Schreibst du schon?

Ich möchte dich ermutigen, den Stift selbst in die Hand zu nehmen, mit zwei Impulsen, die du auch auf dem Bücherfanten – Blog findest.

Schreibimpuls aus dem kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupéry: Blume.

Schreibimpuls aus »dem vogel geht es gar nicht gut«, diesmal aus der Titelgeschichte von Marion Fährmann: Ihm geht es nicht gut.

Gute Gedanken!


Danke dir, dass du die historische Kriminalpost abonnierst und liest. Gerne kannst du mir sagen, was dir gefällt und was du gerne lesen möchtest.

Viele Grüße

Maria

Und pst: am 26.01. gehen die Bücherfanten in die sozialen Medien!


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